5. So.i.Jkr. – 09.02.2020

Es war einmal ein Christ. Ganz unerwartet kam ihm eines Tages eine Erleuchtung: er wollte es mit seinem Christsein radikal ernst nehmen. Die Erleuchtung war aber unerleuchtet.

So bemühte er sich, radikal “Licht der Welt” zu sein. Aber dabei blendete und brannte er die anderen. Er bemühte sich, radikal “Salz der Erde” zu sein. Aber dabei versalzte er den Mitmenschen gründlich das Leben. Er bemühte sich, radikal “Sauerteig” zu sein. Aber er machte dabei, besonders seinen Nächsten, den Alltag sauer. Zum Glück hörte der unerleuchtete Christ von einem Prediger eines Sonntags einen geisterfüllten Gedanken. Dieser lautete etwa so: “Wir können mitunter so radikal `christlich` im Alltag vorgehen, dass wir dabei radikal unchristlich wirken.”

Ausnahmsweise fühlte sich der verblendete Christ sich selbst betroffen. Und wandte heilsam auch die Wahrheit auf sich selber an. Und siehe da: der Christ wurde auf solche Weise “Licht der Welt”, dass andere sich in seinem milden Schein erwärmten und erfreuten. Er wurde so zum “Salz der Erde”, dass er den Mitmenschen das Leben würzte. Er wurde auf eine so liebevolle Art “Sauerteig”, dass immer mehr Menschen in ihrem darbenden Alltag wie von einem guten, wohl schmeckenden Brot zu essen glaubten und dadurch erstarkten.

Das war allerdings nur möglich, weil der Christ in völliger Bereitschaft immer wieder einen anderen die Wandlungsworte über sich sprechen ließ.

Text von Johannes Niederer, „Ein paar Zeilen zum Verweilen“