„Weißer Sonntag“ Täuflingsonntag 24.04.2022

Verwundete Austern lassen aus blutigen Wunden
eine Perle entstehen.
Schmerz, der sie zerreißt, verwandelt sie in einen Juwel.
 

(Richard Shanon) 

In meinen Wunden wachsen die Perlen. Sie können in mir aber nur entstehen, wenn ich mich mit meinen Wunden aussöhne.
Wenn ich die Zähne zusammenbeiße, um meine Wunden krampfhaft zu verschließen, kann darin nichts wachsen. Es tut oft weh, mit meiner Wunde in Berührung zu sein. Da spüre ich die Ohnmacht, sie loszuwerden. Sie wird immer in mir sein, selbst wenn sie vernarbt ist. Aber wenn ich meine Wunden annehme, dann kann sie sich zu einer Quelle von Leben und Liebe verwandeln.
Dort, wo ich verwundet bin, bin ich auch lebendig, dort spüre ich mich, dort spüre ich die anderen. Da kann ich die anderen eintreten lassen in meine Wunde, da wird Begegnung und Berührung möglich, die auch den anderen zu heilen vermag. Nur der verwundetet Arzt kann heilen, so sagen die Griechen. Wo ich stark bin, dort kann ein anderer nicht in mich eindringen. Dort wo ich gebrochen bin, kann Gott in mich einbrechen, können Menschen bei mir eintreten. Dort komme ich in Berührung mit dem wahren Selbst, dem Bild, das Gott sich von mir gemacht hat.
        Wir leben oft in der Illusion, dass all unsere Wunden heilen können. Wir benutzen dann Gott dazu, dass er unsere Wunden heilen soll. Unter Heilung verstehen wir, dass die Wunden sich schließen und wir sie nicht mehr spüren. Solange sie nicht vernarben, kreisen wir um unsere Wunden und bohren uns tiefer in sie ein. Wir werfen Gott vor, dass er diese Wunden zuließ. Erst wenn wir bereit sind, uns mit unserer Wunde auszusöhnen, kann sie für uns zum Tor nach innen werden, zum Tor in den unverwundeten und heilen Raum, in dem Gott selbst in uns wohnt.
 

 Pater Dr. Anselm Grün